Abschlusserklärung der 1. Konferenz der Ökologiebewegung Mesopotamiens, 23. - 24. April 2016 in Wan

 

 

 

Am 23. und 24. April 2016 veranstaltete die Ökologiebewegung Mesopotamiens (MEM) in der Stadt Wan (Van) ihre erste Konferenz. Daran nahmen einhundert Delegierte aus den Provinzen Amed (Diyarbakir), Dîlok (Gaziantep), Riha (Sanliurfa), Merdîn, Muş, Wan, Elih (Batman), Siirt, Dersîm und Bedlîs (Bitlis) in der Türkei teil.

 Auch beteiligten sich Aktivsten aus folgenden Bewegungen und Gruppen: Gaya Magazin, Anti-Atom-Platform, Grüner Widerstand, Grüne Zeitung, Grüne und Linke Partei, Schwarzes Meer in Aufruhr, Verteidigung der nördlichen Wälder, Kampagne für Wasserrecht sowie die Kommune Dersîm-Ovacik; außerdem von der deutschen Gruppe der Internationalen Koordination Revolutionärer Parteien und Organisationen (ICOR) und der Gruppe Grüne Chiya aus Ostkurdistan. Außerdem waren Vertreterinnen und Vertreter des Kongresses der demokratischen Gesellschaft (DTK), der Freien Frauen von Kurdistan (KJA), des Demokratischen Kongresses der Völker (HDK) und der Demokratischen Partei der Völker (HDP) anwesend. Insgesamt kamen 170 Menschen bei dem ersten großen Treffen der MEM seit seiner Gründung zusammen.

 Die Konferenz wurde zu einem Zeitpunkt intensiver politischer Kämpfe vonseiten des Volkes in Kurdistan für Freiheit und Selbstverwaltung organisiert, ein Kampf, der die Zukunft der Region entscheidend verändern kann, der aber auch viele Opfer fordert.

 Die kapitalistische Moderne schafft auf der Basis der Dreifaltigkeit von Stadt, Klasse und Staat und mit der Methode der Herrschaft der Akkumulation des Kapitals eine erstickende und unproduktive Gesellschaft, die sogar die Natur mit jeder Art von Zerstörung beschenkt. Im Namen des bestehenden hegemonialen Systems durchlöchern der Nationalstaat und seine Regierungen den solidarischen Charakter der Gesellschaft und zwingen den Menschen stattdessen Arbeitslosigkeit, Armut, ungesunde Nahrung durch industrialisierte Landwirtschaft und Gentechnik und eine soziokulturelle Verwüstung auf. Zerstörerische Großprojekte wie das Südostanatolische Projekt (GAP), der Ilisu-Damm, der Munzur-Damm, der Grüne Weg und der Cerattepe-Bergbau sowie der Instanbul-Kanal wurden mit dem Ziel entwickelt, die Wälder für die Bauwirtschaft abzuholzen, das Wasser zu kommerzialisieren, das Land zur Handelsware zu machen, die Natur und die Menschen zu kontrollieren, den Verbrauch fossiler Brennstoffe und allgemein von mehr Energie und Material zu fördern, was alles zusammen die Menschen von der ursprünglichen Natur und vom sozialen Leben entfremdet.

 Derzeit führt das herrschende Regime in der Türkei eine brutale Kampagne in Kurdistan durch, die ihresgleichen in der jüngsten Geschichte des Nahen Ostens sucht. Sie hat Hunderttausende von Menschen gewaltsam aus Sur, Nusaybin, Hezex, Kerboran, Farqin, Şırnak, Gever, Silopi, und Cizre in einer neuen, hinterhältigen Dimension vertrieben, indem diese Städte systematisch zerstört werden. Doch die internationale Öffentlichkeit schweigt zur Zerstörung der Natur und der Städte und zu den ganzen Massakern an Menschen.

 Die monistische und leugnende Mentalität des Nationalstaats und der Charakter der kapitalistischen Moderne mit seinem Streben nach grenzenlosem Profit, Konkurrenz und Vorherrschaft haben die Welt in ihren heutigen ernsten Zustand versetzt. Soziale Katastrophen werden zu ökologischen Katastrophen und umgekehrt. Die Gesellschaft und die Menschheit müssen diese Entwicklung aufhalten, denn wenn es so weiter geht, werden wir an den Punkt kommen, wo eine Umkehr nicht mehr möglich ist. Deshalb ist die Mobilisierung eines ökologischen Widerstands von entscheidender Bedeutung.

 Trotz der Denkweise und Praxis der Zerstörung ist eine Umkehr möglich. Um dies zu erreichen, müssen wir den ökologischen Kampf gegen Kriege und gegen die zahlreichen Dämme, Kohlekraftwerke und Bergwerke mobilisieren, die bereit sind, unsere Lebensbereiche und unsere kulturellen und sozialen Werte auszulöschen. Wir müssen unseren ökologischen Kampf unter der Maxime „Kommunalisierung des Landes, des Wassers und der Energie und Errichtung eines freien, demokratischen Lebens“ ausdehnen. Wir müssen die demokratische Nation gegen den Nationalstaat, die kommunale Wirtschaft gegen den Kapitalismus mit seiner Logik des schnellen Profits, der Monopolisierung und der großen Industrien, biologische Landwirtschaft, ökologische Dörfer und Städte, ökologische Industrien und alternative Energie und Technik gegen die von der kapitalistischen Moderne aufgezwungene Landwirtschafts- und Energiepolitik verteidigen.

 Weil der ökologische Kampf der Prüfstein für die Befreiung der Menschheit ist, bringt uns jede Aktion näher zu einer freien Gesellschaft von freien Individuen. Unser Kampf, um unsere natürliche und gesellschaftliche Wahrhaftigkeit zu erreichen, die grundlegende Rechtfertigung unserer Existenz, ist ein wichtiger Beitrag zur Befreiung der Menschen und der Natur auf unserem Planeten. Mit großer, zutiefst bewusster Begeisterung nehmen wir unsere Rolle in diesem Kampf an.

 Unser Paradigma, das ein helles Zeitalter im 21. Jahrhundert und im kommenden Jahrtausend einläutet, ist eine radikal-demokratische, kommunale, ökologische, frauenbefreite Gesellschaft. Der ökologische Kampf geht über jeden einzelnen Kampf hinaus, der die Lebensessenz eines Paradigmas des freien Lebens umfasst. Ohne Ökologie kann die Gesellschaft nicht existieren, und ohne Menschheit und Natur kann die Ökologie nicht existieren. Die Ökologie, das Wesen und das Selbst der Jahrtausende alten universellen Dialektik der Entstehung, durchdringt alle miteinander verbundenen natürlichen Prozesse wie die Glieder einer Kette.

 Der Kampf gegen die kapitalistische Moderne ist der Kampf zur Entwicklung einer demokratischen, sozialen und freiheitlichen Denkweise, und der Kampf gegen die staatliche Souveränität ist der Kampf, um ein gesellschaftliches Subjekt zu werden. Dies kann sich nur durch eine soziale Bewegung, durch einen Kampf für Freiheit entwickeln, der gegen das System Stellung bezieht, das die Natur, Gesellschaft und den Einzelnen im Interesse des kapitalistischen Profits und der staatliche Hegemonie bedroht.

 Im Nahen Osten wurde die Geschichte der Ökologie noch nicht geschrieben. Um die Befreiung der Frau zu erreichen, war es notwendig, die Geschichte der Frau kennenzulernen; genauso ist es notwendig, die Geschichte der Ökologie zu kennen, um eine ökologische Gesellschaft zu erreichen. Mit der Eröffnung von ökologischen Hochschulen können wir ökologisches Bewusstsein als wesentlichen Bestandteil in die Studienprogramme bringen, und zwar in allen sozialen Bereichen und in allen akademischen Lehrplänen. Ökologisches Bewusstsein und Sensibilität in die organisierten gesellschaftlichen Bereiche und Ausbildungseinrichtungen zu bringen, ist genauso wichtig wie die Organisierung unserer eigenen Versammlungen.

 In Bezug auf den Aufbau einer demokratischen und ökologischen Gesellschaft verabschiedete unsere Konferenz verschiedene wichtige Resolutionen, die hoffentlich einen geistigen, organisatorischen und operativen Beitrag für die globale Umweltbewegung darstellen werden. Einige der Resolutionen sind:

  •  Einrichtung einer strategischen geistigen, organisatorischen und operativen Koordination mit nationalen und internationalen ökologischen Bewegungen, um allgemeine Diskussionen und Aktionen gegen die Umweltzerstörung und -ausbeutung zu stärken.
  • Kampf gegen die mentale, physische und ideologische Zerstörung von Energie, Wasser, Wäldern, Böden, Städten, Saatgut und Technik und Mobilisierung für einen Kampf für den Aufbau eines neuen Lebens auf der Basis der anerkannten Politik der Ökologiebewegung Mesopotamiens.
  • Kampf dem System, das die städtischen Siedlungen niederreißt und die Wälder in Kurdistan abbrennt; Veröffentlichung der ökologischen Verwüstung in Kurdistan und Kartieren der im Krieg stattfindenden Zerstörungen.
  • Planung von Aktionen in Koordination mit anderen Umweltbewegungen gegen die Zerstörung der Städte in Kurdistan; Sicherstellung unserer aktiven Beteiligung an Solidaritätsplatformen, die in diesen Städten eingerichtet wurden.
  • Fortsetzung des Kampfes zur Erhalt der Kultur- und Naturstätten in Kurdistan, denen aufgrund der Energie- und Sicherheitspolitik die Auslöschung droht – wie Hasankeyf, Diyarbakır-Sur, das Munzur-Tal und „Gele Goderne”.
  • Entwicklung eines ökologischen Modells passend für Kurdistan.
  • Aufbau einer größeren und regelmäßigeren Präsenz in den Print- und Digitalmedien und Einrichtung von ökologischen Hochschulen.
  • Durchführung rechtlicher Auseinandersetzungen parallel zu stattfindenden Aktionen und Kampagnen.
  • Ausdehnung der eigenen organisatorischen Strukturen auf ganz Kurdistan und den Nahen Osten.

 

Ökologiebewegung Mesopotamiens

 

www.mezopotamyaekolojihareketi.org

 

 

Aufruf zu einer internationalen Delegation zu Waldbränden!

 

 

 

Seit Juni 2016 brennen in einigen Provinzen im türkischen Nordkurdistan wieder die Wälder. Diese Waldbrände treten in Gebieten auf, die kurz vorher von den von der zentralen türkischen Regierung ernannten Gouverneuren zur verbotenen Zone für die Bevölkerung erklärt wurden und in denen Militäroperationen durchgeführt werden. Wir rufen alle Aktivisten und Organisationen in der Türkei und in anderen Ländern dazu auf, sich einer Delegation zu diesen sich ausbreitenden Waldbränden anzuschließen!

 

Es ist kein Zufall, dass die Waldbrände im trockenen Sommer und im Rahmen von großen Militäreinsätzen der türkischen Armee gegen die PKK-Guerilla in den bewaldeten Bergen auftreten. Unsere Region hat Erfahrungen mit großen, von Menschen verursachten Waldbränden, die in den 1990er Jahren und auch im letzten Jahr stattfanden. Laut vieler Dorfbewohner in dem betroffenen Gebiet wurden 2015 insgesamt ungefähr 10.000 Hektar Wald vom türkischen Militär in Brand gesetzt. Besonders in der Umgebung von Militärstationen wurden systematisch Waldbrände gelegt, und als Ergebnis der sich ausbreitenden Flammen waren Gärten und Felder in Dutzenden von Dörfern betroffen.

 

Die andauernden Waldbrände konzentrieren sich auf den Diyarbakir-Distrikt von Lice, doch Nachrichten und Bilder zeigen, dass auch andere Distrikte und Provinzen von Hakkari, Sirnak, Siirt und Mardin schwer betroffen sind. Es wird über die Verletzung der Menschenrechte gegenüber der betroffenen Bevölkerung berichtet, die gerade erst vom türkischen Militär dazu gezwungen wurden, aus mindestens acht Dörfern in der Gegend von Lice zu fliehen. Alle Anstrengungen der Einwohner, der örtlichen Kommunen und der Menschen aus größeren Städten, die Feuer zu löschen, wurden vom Militär behindert. Die einzige Erklärung von Vertretern der zentralen Regierung lautet, gäbe es dort einige Feuer auf Feldern mit Cannabis.

 

Um die Umweltzerstörung durch die Waldbrände zu untersuchen, die auch das Leben der einheimischen Bevölkerung bedroht, rufen wir Umweltschützer, Menschenrechtsaktivisten und andere engagierte Menschen und Organisationen auf internationaler Ebene und in der West-Türkei dazu auf, zwischen dem 23. und 25. Juli eine Delegation in unserer Region zu bilden. Ausgangspunkt ist die Provinz Diyarbakir, von wo die Delegation zu den von Waldbränden betroffenen Gebieten gehen, vor Ort Untersuchungen durchführen und mit Einheimischen und örtlichen Organisationen sprechen wird. Wir erwarten alle Interessierten am Morgen des 23. Juli in Diyarbakir.

 

Ökologiebewergung Mesopotamiens

 

www.mezopotamyaekolojihareketi.org

 

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